Stellungnahme zum Straßenstrichverbot in Karlsruhe

- 12.09.2025 - 

Schutz für Frauen bleibt aus – Situation hat sich verschlechtert

Paar im Gegenlicht
Seit dem 21. März 2025 gilt in Karlsruhe ein stadtweites Verbot der Straßenprostitution. Die Stadt begründete die Maßnahme mit dem Ziel, Menschenhandel und Zwangsprostitution einzudämmen. Nach fast fünf Monaten zeigt sich aus Sicht der Beratungsstelle Luise des Diakonischen Werkes Karlsruhe jedoch: Das Verbot hat die Situation der betroffenen Frauen nicht verbessert. Im Gegenteil – viele Frauen sind heute stärker belastet, gefährdeter und für Hilfsangebote schwerer erreichbar als zuvor.
Viele Frauen äußerten in den vergangenen Monaten den Wunsch, wieder in Karlsruhe arbeiten zu dürfen. Mehrmals pro Woche erkundigten sie sich bei unseren Beraterinnen, ob es von der Stadt bereits neue Informationen gebe. Für sie bedeutete das Ausweichen nach Bruchsal einen erheblichen zusätzlichen Aufwand: Der Weg war weiter, die Fahrtkosten belasteten das ohnehin knappe Einkommen und die Frauen standen unter ständigem Druck, genügend Geld zu verdienen. Vor Ort in Bruchsal herrschten zudem katastrophale Arbeitsbedingungen. Immer noch gibt es dort weder Mülleimer zur Entsorgung von Kondomen noch Toiletten oder Sitzgelegenheiten. Schutz vor Wind und Regen fehlt gänzlich. In Karlsruhe konnten zumindest Bushaltestellen als Unterstand oder Sitzmöglichkeit genutzt werden. Hinzu kommt, dass die Arbeitsplätze in Bruchsal sehr öffentlich gelegen sind – in direkter Nähe zu Restaurants, Verkehr und Passant*innen. Viele Frauen berichteten, dass sie sich dort schämten. Der erhöhte Druck, Einkommen zu erzielen, führte außerdem zu Spannungen untereinander. 
Die Folgen dieser Verschlechterungen sind gravierend, wie die folgenden Beispiele zeigen: Eine Frau mit Kindern verlor ihre Wohnung und war zeitweise obdachlos. Glücklicherweise konnte die Beratungsstelle Luise sie in einer Ausstiegswohnung des Diakonischen Werkes unterbringen. Allerdings verfügt das Diakonische Werk nur über zwei Appartements. Der Bedarf nach Wohnraum ist aber weitaus höher. Eine weitere, gesundheitlich angeschlagene Frau war nicht mehr in der Lage, regelmäßig nach Bruchsal zu fahren. Sie konnte dadurch ihre Miete nicht mehr bezahlen, musste Jobcenter-Leistungen beantragen und stand mit ihrem Kind kurz vor der Obdachlosigkeit. Eine andere Frau ist ins Ausland ausgewichen und arbeitet nun dort auf der Straße. Die Arbeitsbedingungen dort bereiten dem Team der Beratungsstelle jedoch, aufgrund der Kenntnisse, welche sie über die politischen Umstände in diesem Land haben, große Sorgen.
Das Verbot hat die Arbeit der Beratungsstelle Luise massiv erschwert. Während in Karlsruhe wöchentlich etwa 15 Frauen regelmäßig im Rahmen der aufsuchenden Arbeit angetroffen werden konnten, waren in Bruchsal nur noch vier bis sieben regelmäßig zu erreichen. Viele Frauen verloren die Beraterinnen aus den Augen, da sie nun unregelmäßig oder im privaten Umfeld arbeiten. Dadurch sind ihre Lebens- und Arbeitssituation kaum noch einzuschätzen. Verdachtsfälle von Menschenhandel, gesundheitliche Probleme oder Anzeichen von Gewalt lassen sich viel schwerer erkennen. Besonders gefährdet sind Frauen, bei denen bereits früher der Verdacht bestand, dass sie unter Druck stehen. Auch mit neuen Frauen ist es schwieriger, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, wenn die Begegnungen unregelmäßig bleiben.
Als Fachberatungsstelle versteht Luise sich als Sprachrohr der Frauen, deren Perspektive in der öffentlichen Diskussion zu wenig Raum einnimmt. Fragen danach, wie es den Frauen nach dem Verbot geht, welche Unterstützung notwendig wäre oder welche Verbesserungen möglich sind, werden zu wenig gestellt.
Bereichsleitung David Ostern erklärt: „Die Beratungsstelle Luise fordert, dass die Perspektiven der betroffenen Frauen und die Expertise der Fachberatungen ernsthaft berücksichtigt werden. Fest steht: Ein Verbot allein schützt nicht vor Ausbeutung, Zwang oder Gewalt. Im Gegenteil, es verschärft Risiken und erschwert Hilfsangebote. Nötig sind Lösungen, die die Realität der Frauen in den Blick nehmen, sichere Arbeitsbedingungen schaffen, Zugang zu Beratung gewährleisten, den Ausstieg unterstützen und vor allem ermöglichen, dass der Kontakt zu den Frauen nicht verloren geht.“